Referendum der Würde - Europa im Urinal

Ich blicke auf ein Urinal, von Menschen bewohnt. Immer noch besser da drin, als draußen, sagen sie und bellen sich an. Würdelos, heißt es, solange man hinsehen muss. Einer hält die Würde als Pamphlet in den Armen, wie ans Kreuz genagelt. Er lässt darüber abstimmen, ob man mit oder ohne Würde besser aufgehoben ist in den Armen eines Urinals, einer Gemeinschaft, für die es auf einen mehr oder weniger auch nicht ankommt. Niemand wird zu irgendetwas gezwungen in einer Demokratie. Deswegen geht es den Ungarn so gut innerhalb einer Gemeinschaft, über die sie sich hinwegsetzen, ohne dass ihnen deshalb die Mitgliedschaft gekündigt würde. Parolen haben nicht die gleiche Bedeutung wie Geld. An Geld heften wir Demokraten nach wie vor unser Leben, unsere Hoffnung, unsere Zukunft. Wenn einer darüber abstimmen möchte, ob er in Zukunft lieber ohne Geld leben möchte, kann man ihn nicht daran hindern. Die Krise des Geldes ist nicht teilbar. Auch die Körper, die übers Meer kommen, sind letztlich nichts anderes als Auswürfe des Geldes. Sie sind unbrauchbare Ware, in die sich die Geschichte des Geldes eingeschrieben hat. Nur wenn man diese Körperware jetzt neu verteilt, bedeutet das ja nicht, dass auch unser Geld neu verteilt wird, nur weil die, die da kommen, irgendwie auch immer im Zeichen des Geldes kommen oder stehen. Wie begrenzen wir also ein Mitleidsbudget? Wie nehmen wir Anteil, ohne Gefahr zu laufen, Schulden dabei zu machen? Denn das bedeutet Demokratie ja auch, dass wir gelernt haben, Schuld in Geld umzumünzen. Alles ist bezahlbar, solange ich danach nur keine Schuld mehr habe. Vielleicht sind diese Körper, die übers Meer kommen, auch das Ende einer  Geschichte des Geldes und der Beginn eines Zeitalters der Würde. Wer seine Würde behält, braucht kein Geld. Also stimmen wir über sie ab, über diese ans Kreuz genagelte Würde. Gelobt sei das Land, in dem du nicht ertrinken musst. Gelobt sei Ungarn. Mit uns die Zukunft. Was ist mit dir?